Wer zum ersten Mal quer durch das Sauerland fährt, merkt die Größe der Region oft erst nach einer Weile. Auf der Karte sieht manches noch nach einer überschaubaren Mittelgebirgslandschaft aus. In Wirklichkeit kann eine Fahrt von einem Ende zum anderen deutlich länger dauern, als man erwartet. Zwischen bewaldeten Höhenzügen, Talsperren, kleinen Städten und weit auseinanderliegenden Dörfern verändert sich die Landschaft immer wieder. Genau das macht die Frage nach der Größe des Sauerlands interessanter, als eine einzelne Zahl vermuten lässt.
Denn beim Sauerland kommt noch etwas hinzu: Eine eindeutig festgelegte Grenze gibt es nicht. Je nachdem, ob man geografisch, historisch oder touristisch auf die Region schaut, fällt die Fläche etwas anders aus. Für die touristische Region werden heute mehr als 5.000 Quadratkilometer angegeben. Dazu gehören neben großen Teilen Nordrhein-Westfalens auch Willingen und Diemelsee in Hessen. Rund 1,1 Millionen Menschen leben in diesem größeren touristischen Gebiet.
Eine Region, die sich nicht sauber auf einer Landkarte abgrenzen lässt
Genau hier liegt die kleine Falle bei der Frage „Wie groß ist das Sauerland?“. Das Sauerland ist kein Landkreis und auch kein historischer Staat mit einer klar gezogenen Außengrenze. Der Name bezeichnet vielmehr eine Landschaft, deren Abgrenzung sich aus unterschiedlichen historischen und geografischen Entwicklungen ergeben hat.
Wer beispielsweise den Hochsauerlandkreis betrachtet, sieht nur einen Teil der Region. Der Landkreis ist zwar mit fast 2.000 Quadratkilometern sehr groß und nimmt einen wesentlichen Bereich des Sauerlands ein, aber das Sauerland endet nicht an seiner Kreisgrenze. Im Westen schließen sich unter anderem der Märkische Kreis und im Süden der Kreis Olpe an. Auch der südliche Teil des Kreises Soest wird häufig dem Sauerland zugerechnet. Im Osten reicht die Landschaft über die Landesgrenze nach Hessen, insbesondere in das sogenannte Upland mit Willingen und Diemelsee.
Das erklärt auch, warum man bei unterschiedlichen Quellen auf verschiedene Flächenangaben stößt. Eine ältere oder geografisch enger gefasste Definition kann kleiner ausfallen, während der Tourismusverband mit einem größeren Regionsbegriff arbeitet. Für Reisende ist die Angabe von rund 5.000 km² deshalb eine brauchbare Größenordnung, solange man sie nicht mit der Fläche eines einzelnen Landkreises verwechselt.
Welche Gegenden gehören eigentlich zum Sauerland?
Die Unterschiede innerhalb der Region sind beträchtlich. Wer nur Winterberg, den Kahlen Asten oder die großen Talsperren kennt, bekommt zunächst vor allem das klassische Bild des Sauerlands: Wald, Berge, Kurvenstraßen und Höhenlagen. Fährt man weiter nach Westen, verändert sich dieses Bild. Dort liegen dichter besiedelte und stärker industriell geprägte Räume, in denen die Nähe zum Ruhrgebiet deutlich spürbar ist.
Zum Sauerland im weiteren Sinn gehören vor allem der Hochsauerlandkreis, der Märkische Kreis, der Kreis Olpe und Teile des Kreises Soest. Hinzu kommen die hessischen Gemeinden Willingen und Diemelsee. Diese Aufteilung entspricht auch der touristischen Region Sauerland. Politische Verwaltungsgrenzen und Landschaftsgrenzen laufen dabei nicht immer parallel.
Im Hochsauerlandkreis liegt der flächenmäßig größte zusammenhängende Teil. Städte wie Winterberg, Schmallenberg, Brilon, Meschede und Arnsberg gehören zu diesem Bereich. Gerade Schmallenberg zeigt sehr anschaulich, wie weitläufig die Region ist: Das Stadtgebiet umfasst mehr als 300 Quadratkilometer und besteht neben dem eigentlichen Stadtkern aus zahlreichen Dörfern und Ortsteilen.
Der Märkische Kreis wirkt dagegen vielerorts städtischer und industrieller. Iserlohn und Lüdenscheid liegen hier, und zwischen den bewaldeten Höhenzügen finden sich Betriebe, Gewerbegebiete und alte Industriestandorte. Im Kreis Olpe wiederum prägen unter anderem Attendorn, Olpe, Lennestadt und die Täler von Bigge und Lenne das Landschaftsbild. Allein der Kreis Olpe umfasst rund 710 Quadratkilometer.
Warum das Sauerland größer wirkt, als die Kilometer vermuten lassen
Bei einer Reise durch das Sauerland spielt nicht nur die reine Fläche eine Rolle. Die Landschaft ist stark gegliedert. Straßen führen durch Täler, über Höhenzüge und an Stauseen entlang. Eine Strecke, die auf der Landkarte ziemlich kurz aussieht, kann deshalb wesentlich länger dauern als eine vergleichbare Fahrt durch eine flache Region.
Das fällt besonders auf, wenn man zwischen dem Ruhrgebiet und den höheren Lagen unterwegs ist. Hinter Arnsberg oder Meschede wird die Landschaft zunehmend bergiger. Rund um Winterberg und den Kahlen Asten erreicht man schließlich Höhen, die man von einer Region im Norden Deutschlands vielleicht nicht erwartet. Der Kahle Asten liegt bei etwa 841 Metern, der Langenberg erreicht 843 Meter und ist damit der höchste Berg Nordrhein-Westfalens. Beide liegen im Hochsauerlandkreis.
Die Höhenunterschiede sind nicht spektakulär wie in den Alpen, verändern aber das Reisegefühl. Im Winter kann zwischen dem Ruhrgebiet und Winterberg ein deutlicher Wetterunterschied liegen. Im Sommer merkt man die Höhenlagen eher an den Temperaturen und an der Vegetation. Wer morgens noch bei warmem Wetter im flacheren Westen startet und später auf den Höhen unterwegs ist, bekommt davon manchmal einen ganz praktischen Eindruck.
Wald, Wasser und die eigenartige Mischung aus Natur und Industrie
Was das Sauerland für mich besonders macht, ist die Kombination verschiedener Landschaften auf relativ engem Raum. Wälder dominieren viele Höhenzüge, dazwischen liegen offene Wiesen und kleine landwirtschaftlich geprägte Täler. Dann taucht plötzlich eine große Wasserfläche auf. Biggesee, Möhnesee, Sorpesee, Hennesee und Diemelsee gehören zu den bekanntesten Seen beziehungsweise Talsperren der Region.
Diese Seen sind nicht bloß hübsche Punkte auf einer Wanderkarte. Sie gehören zur Infrastruktur und Geschichte der Region und erfüllen unterschiedliche Funktionen. Gleichzeitig haben sie sich zu beliebten Zielen für Spaziergänge, Radtouren, Wassersport und kurze Auszeiten entwickelt. Der Tourismusverband zählt insgesamt fünf große und zahlreiche kleinere Seen zur Region.
Unter der Oberfläche geht die Geschichte noch weiter. Das Sauerland ist keineswegs nur eine Natur- und Ferienregion. Vor allem im westlichen und südlichen Teil hat Bergbau und Metallverarbeitung die Entwicklung vieler Orte geprägt. Besucherbergwerke, historische Industrieanlagen und alte Produktionsstandorte erinnern daran. Der Naturpark Sauerland Rothaargebirge verbindet deshalb ausdrücklich Naturschutzgebiete mit Kultur- und Industriedenkmälern. Mit 4.215 Quadratkilometern ist er heute der größte Naturpark Deutschlands.
Vier Kreise, zwei Bundesländer – und trotzdem ein gemeinsames Sauerland
Wer sich die Verwaltungsstruktur genauer ansieht, versteht schnell, warum das Sauerland manchmal etwas schwer zu greifen ist. Der größte Teil liegt in Nordrhein-Westfalen, doch die Region reicht nach Hessen hinein. Gleichzeitig überschneiden sich Begriffe wie Südwestfalen, Sauerland, Hochsauerland und Upland teilweise, ohne dass sie dasselbe bedeuten.
Der Begriff Südwestfalen ist beispielsweise weiter gefasst. Geografisch gehören dazu der Hochsauerlandkreis, der Märkische Kreis, die Kreise Olpe, Siegen-Wittgenstein und Soest. Zusammen kommen diese fünf Kreise auf etwa 6.200 Quadratkilometer. Das ist aber nicht gleichbedeutend mit der Fläche des Sauerlands.
Für Reisende ist diese Unterscheidung durchaus praktisch. Wer nach „Sauerland“ sucht, kann je nach Anbieter eine touristische Region, eine Landschaft oder einen Teil Südwestfalens vor sich haben. Deshalb lohnt es sich bei einer konkreten Unterkunft oder Wanderroute immer, nicht nur auf den Regionsnamen zu schauen, sondern auch auf den Ort selbst.
Zwischen Iserlohn und Winterberg liegen mehr als nur Kilometer
Die Entfernung innerhalb des Sauerlands erzählt nämlich nur die halbe Geschichte. Iserlohn fühlt sich anders an als Winterberg, Attendorn anders als Brilon und Arnsberg anders als Willingen. Das liegt nicht nur an der jeweiligen Höhenlage. Auch Geschichte, Wirtschaft und die Nähe zu den Ballungsräumen haben ihre Spuren hinterlassen.
Im Norden und Westen ist der Einfluss des Ruhrgebiets vielerorts deutlich. Man kann morgens in einer dicht besiedelten Umgebung unterwegs sein und kurze Zeit später durch Waldlandschaften fahren, in denen kaum noch Häuser zu sehen sind. Weiter südlich und östlich wird die Landschaft ruhiger und stärker von Tälern, Bergen und kleinen Siedlungen bestimmt.
Gerade diese Übergänge sind für mich interessanter als die Vorstellung eines einheitlichen „Sauerland-Stils“. Die Region wirkt nicht wie ein riesiger Naturpark, in dem überall dasselbe Panorama wartet. Sie hat Ecken, die industriell geprägt sind, andere mit ausgeprägtem Wintersporttourismus und wieder andere, in denen ein kleines Dorf, eine Kirche und ein bewaldeter Hang das gesamte Bild bestimmen.
Wie groß ist das Sauerland nun wirklich?
Wenn jemand eine einzelne Zahl erwartet, würde ich für die touristische Region mit mehr als 5.000 Quadratkilometern rechnen. Das ist die heute vom Sauerland-Tourismus verwendete Größenordnung und schließt die touristisch einbezogenen hessischen Gemeinden Willingen und Diemelsee ein.
Gleichzeitig sollte man diese Zahl nicht so verstehen, als ließe sich das Sauerland auf einer Karte mit einem dicken Strich eindeutig umranden. Die Grenzen sind je nach Betrachtungsweise unterschiedlich. Genau deshalb ist das Sauerland geografisch etwas anderes als ein Verwaltungsbezirk.
Und vielleicht erklärt gerade das seine besondere Wirkung. Die Region ist groß genug, dass man bei einer Reise von einem Ende zum anderen tatsächlich unterschiedliche Landschaften und Lebenswelten erlebt. Trotzdem bleibt vieles miteinander verbunden: die Mittelgebirgslandschaft, die Wälder, die Talsperren, die kleinen Städte, die alten Industrieorte und die Nähe zu den großen Ballungsräumen.
Wer das Sauerland nur als Ziel für ein Wochenende betrachtet, sieht wahrscheinlich zunächst einzelne Orte. Erst auf längeren Fahrten wird deutlich, wie weit diese Landschaft reicht. Dann verliert die Frage nach der exakten Grenze ein wenig an Bedeutung. Man fährt über einen Höhenzug, hinter der nächsten Kurve liegt wieder ein anderes Tal, und irgendwann ist klar, dass das Sauerland weniger ein sauber abgegrenztes Gebiet als eine Landschaft mit vielen Gesichtern ist.
Illustrationen und Bilder: Magnific (https://www.magnific.com)
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