Als ich das erste Mal am Toten Meer stand, war die Landschaft zunächst fast irritierend. Man erwartet bei einem bekannten Reiseziel irgendwie mehr von dem, was man aus Reisefotos kennt: Palmen, Hotels, vielleicht einen breiten Sandstrand. Stattdessen liegt vor einem eine riesige, ungewöhnlich stille Wasserfläche, dahinter kahle Berge und über allem eine trockene, helle Luft. Erst beim Blick auf die Karte wird richtig deutlich, an welchem besonderen Ort man sich befindet.
Das Tote Meer liegt im Nahen Osten zwischen Israel und Jordanien, in einer tief eingeschnittenen Senke des Jordangrabens. Es ist kein Meer im klassischen geografischen Sinn, sondern ein abflussloser Salzsee. Seine Lage ist aber genau das, was viele Reisende zunächst verstehen möchten: Wie kommt man dorthin, auf welcher Seite liegt das Ufer, und was sieht man eigentlich auf einer Karte?
Wo genau liegt das Tote Meer?
Geografisch befindet sich das Tote Meer am tiefsten Punkt der kontinentalen Erdoberfläche. Es liegt südöstlich von Jerusalem und etwa zwischen dem israelischen Westjordanland und dem westlichen Teil Jordaniens. Der See erstreckt sich ungefähr in Nord-Süd-Richtung und ist Teil des großen geologischen Grabensystems, das sich vom Roten Meer über das Jordantal bis weit nach Norden zieht.
Wer eine Karte vor sich hat, kann sich die Lage relativ einfach merken: Der See liegt zwischen dem Jordan River im Norden und der Wüste Arava beziehungsweise dem südlichen Bereich des Jordantals im weiteren Verlauf nach Süden. Westlich befinden sich Jerusalem und die Landschaften Israels und des Westjordanlands, östlich die Berge Jordaniens.
Das klingt auf der Landkarte nach einer überschaubaren Entfernung. In Wirklichkeit hängt die Fahrzeit stark davon ab, von welchem Ausgangspunkt man startet und welchen Grenzübergang beziehungsweise welche Straße man nutzt. Von Jerusalem ist das Tote Meer für einen Tagesausflug gut erreichbar. Von Amman aus ist die Fahrt ebenfalls vergleichsweise kurz, weshalb sich das Tote Meer auf einer Jordanienreise problemlos mit anderen Zielen verbinden lässt.
Warum liegt das Tote Meer so tief?
Hier wird die Landschaft besonders interessant. Das Tote Meer liegt in einer tektonischen Senke, die durch Bewegungen der Erdkruste entstanden ist. Die Erdoberfläche wurde in diesem Bereich über sehr lange Zeiträume abgesenkt. Flüsse führten Wasser in die Senke, doch es gibt keinen natürlichen Abfluss aus dem See.
Der wichtigste Zufluss ist der Jordan. Wasser gelangt außerdem über kleinere Bäche und saisonale Wasserläufe in das Becken. Was dem See fehlt, ist ein Fluss, der sein Wasser wieder hinausführt. Das Wasser kann unter dem extrem heißen und trockenen Klima praktisch nur durch Verdunstung verschwinden. Die gelösten Mineralien und Salze bleiben zurück.
Genau dieser Vorgang erklärt auch die außergewöhnlich hohe Salzkonzentration. Das Wasser des Toten Meeres ist um ein Vielfaches salzhaltiger als gewöhnliches Meerwasser. Beim Baden merkt man den Unterschied sofort: Schon kleine Wunden oder Kratzer können unangenehm brennen, und nach dem Schwimmen fühlt sich die Haut durch die Mineralien auffallend trocken und zugleich glatt an.
Das Tote Meer auf der Karte: Israel oder Jordanien?
Eine häufige Frage bei der Reiseplanung lautet, ob das Tote Meer nun zu Israel oder zu Jordanien gehört. Die einfache Antwort lautet: Das Gewässer grenzt an beide Seiten, und touristisch kann man es sowohl von Israel als auch von Jordanien aus besuchen. Die konkrete politische und geografische Situation ist allerdings komplexer, weil das westliche Ufer teilweise an das Westjordanland grenzt.
Für Reisende macht sich dieser Unterschied vor allem bei der Routenplanung bemerkbar. Auf der jordanischen Seite befinden sich bekannte Badeorte und Hotelanlagen entlang des östlichen Ufers. Auf der israelischen Seite konzentrieren sich touristische Einrichtungen vor allem im Bereich von Ein Bokek und weiter nördlich beziehungsweise westlich gelegenen Orten.
Die beiden Seiten bieten dabei nicht exakt dasselbe Reiseerlebnis. Auf jordanischer Seite lässt sich ein Aufenthalt am Toten Meer beispielsweise gut mit Amman, Madaba oder den Wüstenlandschaften verbinden. Von Israel aus kombinieren viele Reisende den Besuch mit Jerusalem, Masada oder der Negev-Wüste. Wer nur einen Tagesausflug plant, sollte deshalb nicht allein auf die Kilometerzahl schauen. Straßenverlauf, Grenzsituation und Ausgangsort spielen eine erhebliche Rolle.
| Ausgangspunkt | Typische Verbindung zum Toten Meer | Was bei der Planung auffällt |
|---|---|---|
| Jerusalem | Fahrt über die Straße durch das Jordantal beziehungsweise über die Route Richtung Ein Bokek | Gut für einen Tagesausflug, mehrere unterschiedliche Küstenbereiche erreichbar |
| Amman | Fahrt westwärts Richtung jordanisches Ufer | Relativ kurze Anreise, gut mit einem Aufenthalt in Jordanien kombinierbar |
| Masada | Verbindung mit dem südwestlichen Bereich des Toten Meeres | Besonders sinnvoll für eine Route mit mehreren Sehenswürdigkeiten |
| Tel Aviv | Längere Fahrt ins Gebiet des Toten Meeres | Als Tagesausflug möglich, aber deutlich mehr Fahrzeit einplanen |
Die tiefste Stelle der Erdoberfläche
Die berühmteste geografische Besonderheit des Toten Meeres ist seine Höhenlage. Die Wasseroberfläche befindet sich heute ungefähr 430 Meter unter dem Meeresspiegel. Die genaue Zahl verändert sich allerdings ständig, weil der Wasserspiegel seit Jahrzehnten sinkt. Ältere Reiseführer nennen deshalb teilweise andere Werte als aktuelle Quellen.
Dieser Höhenunterschied ist auf einer Reise erstaunlich gut zu spüren, obwohl man natürlich nicht plötzlich das Gefühl bekommt, mehrere hundert Meter unter dem Meer zu stehen. Wenn man von Jerusalem in Richtung Totes Meer fährt, verändert sich die Landschaft jedoch auffällig schnell. Die Straße führt hinunter, die Vegetation wird spärlicher, und die hellen Felsformationen bekommen einen immer stärker wüstenartigen Charakter.
Der sinkende Wasserspiegel ist zugleich eines der größten Umweltprobleme der Region. Der Jordan führt heute wesentlich weniger Wasser zum Toten Meer als früher, während gleichzeitig Wasser für Landwirtschaft, Trinkwasserversorgung und andere Zwecke entnommen wird. Zusätzlich verschärft die starke Verdunstung durch das heiße Klima die Situation.
Warum schrumpft das Tote Meer?
Wer heute zum Toten Meer fährt und alte Fotografien aus der Region betrachtet, erkennt den Unterschied teilweise sofort. Das Ufer hat sich vielerorts deutlich zurückgezogen. Bereiche, die früher direkt am Wasser lagen, befinden sich heute weiter vom See entfernt.
Besonders eindrucksvoll wird das an ehemaligen Uferanlagen und Straßenabschnitten. Manche Einrichtungen mussten verlegt werden, weil sich das Wasser zurückgezogen hat. Gleichzeitig entstehen durch den sinkenden Grundwasserspiegel sogenannte Sinkholes, also Einbrüche des Bodens. Sie können plötzlich auftreten und machen bestimmte Uferbereiche gefährlich.
Die Entwicklung ist deshalb mehr als ein kurioser geografischer Fakt. Das Tote Meer verändert seine Gestalt sichtbar. Projekte zur Wasserzufuhr, zur regionalen Zusammenarbeit und zum Schutz der verbleibenden Wasserfläche werden seit Jahren diskutiert. Wie sich der See langfristig entwickeln wird, hängt von politischen Entscheidungen, Wasserwirtschaft und klimatischen Bedingungen ab.
Warum kann man im Toten Meer so gut treiben?
Das berühmte Schweben im Wasser ist tatsächlich so spektakulär, wie es auf Fotos aussieht. Allerdings sollte man sich die Bewegung nicht wie beim normalen Schwimmen vorstellen. Durch die extrem hohe Dichte des stark salzhaltigen Wassers wird der Körper sehr stark getragen. Wer sich entspannt zurücklegt, merkt schnell, dass die Beine nach oben gedrückt werden.
Gerade beim ersten Versuch machen viele Menschen denselben Fehler: Sie versuchen, wie in einem normalen See zu schwimmen. Das ist eher unbequem. Angenehmer ist es, sich langsam zurückzulehnen und die ungewöhnliche Auftriebskraft wirken zu lassen. Das Wasser fühlt sich dabei deutlich öliger und schwerer an als normales Meerwasser.
Ich würde außerdem nicht versuchen, das Erlebnis zu lange auszudehnen. Salz und Mineralien können die Haut reizen, besonders wenn bereits kleine Schnitte vorhanden sind. Noch wichtiger: Wasser sollte möglichst nicht in die Augen oder den Mund gelangen. Ein kurzer Aufenthalt im Wasser reicht vollkommen, um das charakteristische Gefühl des Schwebens zu erleben.
Wo befinden sich die bekanntesten Badeorte?
Auf der israelischen Seite ist Ein Bokek der bekannteste touristische Bereich. Dort konzentrieren sich Hotels, Strände und Einrichtungen für Besucher. Der Ort wirkt weniger wie eine gewachsene Stadt und eher wie ein Feriengebiet, das sich ganz auf den Aufenthalt am Toten Meer konzentriert.
Auf jordanischer Seite liegen mehrere größere Hotelanlagen entlang der Küste. Wer dort übernachtet, hat den Vorteil, dass man nicht nur für ein kurzes Bad anreist, sondern die besondere Atmosphäre morgens oder am späten Nachmittag erleben kann. Gerade diese Stunden empfinde ich als angenehmer als die heiße Mittagszeit.
Ein weiterer berühmter Ort in der Region ist Masada, die antike Festung auf einem Hochplateau über dem südwestlichen Bereich des Toten Meeres. Der Besuch lässt sich sehr gut mit dem See verbinden. Von oben bekommt man außerdem eine ganz andere Vorstellung von der Größe und Lage des Gewässers als vom Strand aus.
Wie sieht die Landschaft rund um das Tote Meer aus?
Die Landschaft ist wahrscheinlich das, was mir von der Region am stärksten im Gedächtnis geblieben ist. Das Wasser wirkt je nach Licht tiefblau bis silbrig, während die umliegenden Berge in Beige-, Grau- und Brauntönen erscheinen. Grün gibt es nur dort, wo künstlich bewässert wird oder Wasser aus Quellen vorhanden ist.
Im Norden ist das Jordantal stärker von landwirtschaftlich genutzten Flächen geprägt. Weiter südlich wirkt die Umgebung trockener und wüstenhafter. An manchen Stellen sieht man die scharf eingeschnittenen Täler, die bei seltenen, aber heftigen Regenfällen plötzlich Wasser führen können.
Diese Gegensätze machen den Ort interessanter, als es eine reine Liste von Fakten vermuten lässt. Man steht an einem See, der nach Meer aussieht, befindet sich aber hunderte Meter unter dem normalen Meeresspiegel und blickt gleichzeitig auf eine fast vollständig trockene Berglandschaft. Vieles an diesem Ort wirkt zunächst widersprüchlich.
Ein Ort, der sich langsam verändert
Wer das Tote Meer besucht, sollte deshalb nicht nur wegen des berühmten Schwebens kommen. Das eigentliche Erlebnis beginnt für mich schon auf der Anfahrt. Die Höhe verändert sich, die Landschaft wird karger, und irgendwann liegt diese ungewöhnliche Wasserfläche vor einem, deren Pegel seit Jahrzehnten sinkt.
Vielleicht ist genau das der interessanteste Aspekt des Toten Meeres: Es ist kein statisches Naturwunder, das seit Jahrtausenden unverändert auf Reisende wartet. Seine Ufer verschieben sich, Straßen und Anlagen müssen angepasst werden, und selbst die Zahl auf dem Höhenmesser erzählt heute eine etwas andere Geschichte als vor einigen Jahrzehnten.
Auf der Karte wirkt das Tote Meer wie ein kleiner, klar abgegrenzter Fleck zwischen Israel und Jordanien. Vor Ort merkt man, dass diese einfache Form nicht die ganze Geschichte erzählt. Geologie, Wasser, Wüste, Politik und Tourismus treffen hier auf engem Raum zusammen. Und vielleicht bleibt gerade deshalb nach der Reise weniger das Bild eines gewöhnlichen Badeortes zurück als die Erinnerung an einen Ort, der sich unter den Füßen und vor den Augen langsam verändert.
Illustrationen und Bilder: Magnific (https://www.magnific.com)
Neue Städte beginnen am besten ohne straffen Zeitplan und mit genug Platz für spontane Umwege. Besonders spannend sind kleine Cafés, ungewöhnliche Viertel und Orte, die in klassischen Reiseführern gern übersehen werden.
